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Stadtgespräch mit Notarzt Dirk Hahne

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Videos: Felix Peschke, Medienproduktion Filmklar, Hannover

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Wahrscheinlich ist das Friederikenstift an der Humboldtstraße 5 in der Calenberger Neustadt gar nicht so groß. Von außen wirkt es jedenfalls nicht so. Aber wer mit Dr. Dirk Hahne durchs 618-Betten-Haus läuft, glaubt nicht, dass er je wieder herausfindet. „Das machen wir bewusst so“, meint der Notfallmediziner und grinst. „Wenn Besucher erstmal hier sind, finden sie so schnell nicht wieder raus."

Jetzt lacht der Oberarzt der Anästhesie, Fältchen legen sich um seine blauen Augen.

„Das ist natürlich Quatsch“, betont er, „ich nehme bewusst nicht den direkten Weg, weil ich zeigen will, wie verschachtelt das Haus ist.“ Das liegt in dessen Geschichte: 1843 hatte König Ernst August von Hannover dem damaligen Frauenverein für Armen- und Krankenpflege das Grundstück zur Verfügung gestellt, auf dem das Zentralgebäude bis heute steht. Hahne führt ins Besprechungszimmer im ersten Stock.

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Wie sind Sie eigentlich ans Friederikenstift gekommen?

 Oh, das ist tatsächlich schon lange her. Vor 22 Jahren bin ich gekommen. Und eigentlich wollte ich Chirurg werden.

Was ist schief gelaufen? Denn Sie sind Notfallmediziner und Anästhesist geworden, Sie sind einer der Oberärzte im Zentrum für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin.

Da ist nichts schief gelaufen, im Gegenteil. Während meiner Ausbildung dachte ich, es wäre gut, Notfallmedizin zu lernen. Denn intubieren muss ein Chirurg im Notfall ja auch. Und ich habe gehofft, das zusätzliche Wissen macht mich besser. Durch die Notfallmedizin lernte ich dann aber die Anästhesie kennen – und die hat mich erst so richtig gepackt.

Warum?

Weil sie so vielfältig ist. Die meisten Patienten verbinden die Anästhesie nur mit Narkosen. Wir sind aber auch zuständig zum Beispiel für die Intensivpatienten, kommt jemand mit besonders schweren Verletzungen zu uns, bin ich bei der Erstversorgung dabei, bei einer anschließenden OP und auch noch auf der Intensivstation. Oder Schmerzpatienten: Um die kümmern wir uns auch. Sowohl die Patienten mit chronischen Schmerzen, wie auch die akuten Fälle – etwa denjenigen, der wegen einer Kreuzband-OP zu uns kommt und hinterher möglichst wenig Schmerzen haben soll. Oder die Schwangere unter der Geburt. Na ja, und mein Steckenpferd ist die Notfallmedizin. Seit 1997 fahre ich mit auf dem Notarzteinsatzfahrzeug, seit 21 Jahren.

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Und was fesselt Sie so an der Notfallmedizin?

Auch wieder: die Abwechslung. Jeder Fall ist einzigartig. Zum einen ist das Team jedes Mal neu. Ich bin mit einem Notfallsanitäter der Feuerwehr im Notarzteinsatzfahrzeug unterwegs. Und da wir in Hannover das sogenannte Rendezvous-System haben, treffen wir am Einsatzort auf den Rettungswagen, der besetzt ist mit zwei weiteren Notfallsanitätern.

Mehr als 800 hauptberufliche und 750 ehrenamtliche Einsatzkräfte arbeiten in Hannover für den Brandschutz, den Rettungsdienst und den Katastrophenschutz. Tagsüber sind bis zu 22 Rettungswagen im Einsatz, in den Nachtstunden reduziert sich die Anzahl je nach Bedarf. Elf der Wagen sind mit Kräften der Berufsfeuerwehr besetzt, die übrigen bestücken Hilfsorganisationen wie die Johanniter oder Malteser sowie private Dienstleister. Insgesamt 123 456 Rettungseinsätze hatten die Teams im Jahre 2016, aktuellere Zahlen liegen der Feuerwehr noch nicht vor. Bei 12 833 der Alarmierungen waren Notärzte mit am Einsatzort, 2207 mal die des Friederikenstifts. Hahne schätzt, dass er im Schnitt zehn Einsätze am Tag hat, manchmal gar keine, dann wieder 13 in einer Zwölf-Stunden-Schicht.



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Das Spannende ist, dass kein Einsatz ist wie der andere. Wir wissen ja nie, was uns erwartet. Klar ist nur, dass wir immer die Negativauslese sehen: Wir Notärzte werden ja nur zu den schweren Fällen gerufen, nicht zu denen, die hinfallen, dann aber selbst wieder aufstehen. Wenn wir angefordert werden, ist es lebensbedrohlich – dann geht es um einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, um eine Reanimation, ein Kind oder einen Patienten mit einem sogenannten Polytrauma. Also jemand, der zum Beispiel aus großer Höhe gestürzt ist, eine Schädelverletzung hat, dazu Verletzungen im Brustbereich, der lebenswichtigen Organe, der Arme und Beine.

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Wie halten Sie das aus?

 Im Einsatz denkt man nicht, da macht man einfach. Dann konzentriere ich mich auf den Patienten. Ein Vorteil für mich ist, dass ich nicht alleine zum Einsatzort fahre, sondern vom Notfallsanitäter gefahren werde. Wenn wir dann zum Beispiel auf dem Weg sind zu einem Kind, sagen wir, zu einem Fünfjährigen, dann rufe ich im Kopf ab, was Fünfjährige im Schnitt wiegen, wie die Medikation also sein muss. Ich konzentriere mich. Gerade Fälle, die Kinder, Schwangere oder viele Verletzte betreffen, lassen jeden aufgeregt sein. Da ist es gut, wenn ich vorher im Auto noch einmal zur Ruhe komme.


Und hinterher? Was nehmen Sie von Ihren Einsätzen mit nach Hause?

 Mitnehmen tut man immer was. Mir gehen Gewaltverbrechen zum Beispiel nahe, wenn junge, unbeteiligte Menschen in eine Sitution kommen, in der sie mehrere Messerstiche abbekommen. Das ist teils blutreich. Das gibt Bilder im Kopf. (Er nippt an seinem Kaffee.) Oder ich denke an einen Suizid: Da stand einer auf einem Balkon, eine Polizistin sprach auf ihn ein, wir warteten in Bereitstellung. Und dann sprang der uns vor die Füße. Das war das schrecklichste Geräusch, das ich je gehört habe.



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Halten Sie Gott für fair, wenn Sie so etwas erleben?

Natürlich stellt man sich die Frage. Nicht beim Einsatz, da ist man auf den Patienten fixiert. Die Frage kommt schon mal im Nachhinein. Und nun bin ich zwar weder Theologe, noch besonders bibelfest, aber ich denke, dass Gott nicht alles lenkt. Wir Menschen haben eine Handlungsfreiheit. Gott wird niemandem ein Messer in die Hand drücken und sagen: „Hier, stich’ den mal ab.“


Oder einen Sprengstoffgürtel anziehen und sagen: „Hier, spreng’ die mal in die Luft.“

So etwas tun Menschen, und die Verantwortung für diese Taten können sie nicht auf Gott abwälzen. Ich halte Gott in den Momenten also nicht für unfair, weil ich nicht glaube, dass solche Taten in seiner Verantwortung liegen. Außerdem glaube ich, dass Leid zum Leben dazu gehört. Das ist in der Bibel ja schon so: Als Jesus am Kreuz hing, hat er schrecklich gelitten. Wohl glaube ich bei manchen Einsätzen, dass da Schutzengel am Werk waren.


Nennen Sie einen.

Ich denke da an eine Schülerin, ein Mädchen, das zehn oder zwölf Jahre alt war. Es hatte die Straße an der Stadionbrücke überquert, als ein schnelles Fahrzeug das Kind erfasste. Zeugen haben später erzählt, dass das Mädchen 20 Meter weit durch die Luft geflogen sei. Sie ist dann am Brückengeländer aufgeschlagen, zum Glück war sie nicht ins Wasser gefallen. Ich habe sie an der Stadionbrücke stabilisiert, wir haben sie zu uns ins Traumazentrum am Friederikenstift gefahren. Wir haben sie gründlich untersucht und dabei festgestellt: Außer einem Schock und blauen Flecken hatte das Mädchen gar nichts. Es hatte so einen schlimmen Unfall gehabt – und hat nichts abbekommen. Das ist so ein Moment, in dem habe ich Gott für sehr fair gehalten. (Er lächelt.) Und dann muss man die Frage natürlich auch hannöversch sehen.








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Wie das?

Ich denke da an ein Zitat von Gottfried Wilhelm Leibniz, nicht weil ich ein so großer Philosoph wäre, sondern weil mein Sohn das neulich aus dem Religionsunterricht mit nach Hause gebracht hat. Leibniz hat einmal sinngemäß gesagt: Gott habe die bestmögliche aller Welten für den Menschen erschaffen. Es liegt an uns, sie noch besser zu machen.



Sie für die Patienten zu verbessern, versuchen die Ärzte am Friederikenstift täglich, zum Beispiel in der Notaufnahme. Dort kommen Dirk Hahne und dessen Kollegen an, wenn sie vom Rettungseinsatz zurückkehren. Er führt den Weg hinunter ins Erdgeschoss zur Ambulanz, geht kurz vor die Tür, begrüßt die Notfallsanitäter, die Besatzungen aus fünf Fahrzeugen sind aktuell da. Hahne zeigt, wie’s im Rettungswagen aussieht: Jeder sei eingerichtet wie ein Mini-Krankenhaus, alle Fahrzeuge gleich, die Medikamente, Kompressen, der Defibrilator jeweils in den gleichen Fächern, damit sich jeder Notfallsanitäter, jeder Notarzt in jedem Fahrzeug auskennt, nichts suchen muss, sondern sich um den Patienten kümmern kann. Dann geht’s in die Notaufnahme. Hahne führt in den sogenannten Schockraum 2, die Anlaufstelle für Schwerstverletzte.



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Haben Sie jemals selbst einen Notarzt gebraucht?

Tatsächlich ja. Im vergangenen Herbst war das. Ich kam zurück von einer Fahrradtour. Wir waren mit unseren Rennrädern unterwegs gewesen, aber wir waren schon wieder zurück im Stadtgebiet, fuhren also langsam. Und dann, keine Ahnung, bin ich irgendwo hängen geblieben, ausgerutscht, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich mich mit dem Rad hingelegt. Mein Helm ist in drei Teile zerbrochen, nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich den nicht angehabt hätte.



Und dann haben Sie der Besatzung gleich im Rettungswagen schon Anweisungen gegeben?

 Ich war nicht ansprechbar. Ich bin erst in der Notaufnahme zu mir gekommen und musste dann fünf Tage auf der Intensivstation bleiben. In welchem Krankenhaus? Hier bei uns in der Frieda. Ist das nicht komisch im eigenen Krankenhaus? Ich war ehrlich gesagt froh, hier zu sein. Ich wusste ja, dass alle eher dreimal gucken würden, wie’s mir geht. Aber es ist trotzdem kein Spaß, Patient zu sein. Sie meinen: Ihre Ärzte hatten es schwer mit Ihnen? Zugegeben, es ist schwer als Patient. Aber es hat mir wirklich geholfen zu wissen, dass das meine Kollegen sind, die da auf mich aufpassen.






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Da hatten Sie also keine Angst vor.
Gibt es denn Einsätze, die Ihnen Angst machen?

Auf alle Fälle müssen wir als Einsatzkräfte besser aufpassen denn je: Wenn wir in eine Wohnung gerufen werden, schaue ich mittlerweile, ob da ein Baseballschläger hinter der Tür steht oder ob das Würgehalsband vom Pitbull noch da ist.
Und dann wächst natürlich die Angst vor einer Terrorlage, im Ernstfall könnten wir bei uns in der Frieda bis zu 70 Schwer- und Schwerstverletzte versorgen. Das brächte allerdings auch Entscheidungen mit sich, die kein Arzt fällen möchte: Welche Patienten können wir noch versorgen? Welche sind zu schwer verletzt und werden erst einmal zurückgestellt?

Ich hoffe, dass ich zu so einem Einsatz nie gerufen werde.

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