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Stadtgespräch mit Markthallen-Chef Gerhard Schacht

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Videos: Felix Peschke, Medienproduktion Filmklar, Hannover

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Es ist zehn Uhr morgens. Gerhard Schacht steht vor der Markthalle. Der Geschäftsführer des sogenannten Bauchs von Hannover wippt von einem auf den anderen Fuß, der Schnauzer ist akkurat getrimmt, sein Handschlag kräftig. Er bittet zum Simpático fürs Gespräch, ins Bistro von Nejat Ali, der im Dezember seit 15 Jahren in der Markthalle sein wird. „Ali, ich brauche einen Kaffee, bitte“, fordert Schacht. „Kommt!“, verspricht der Gastronom lächelnd – und steht bald darauf mit dampfenden Espressotassen am Tisch.

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Wissen Sie, wenn ich Interviews gebe, dann treffe ich mich immer hier bei Ali. Das wissen alle in der Markthalle. Das halte ich so, weil ich nicht möchte, dass sich ein Händler benachteiligt fühlt. Och, kommen Sie, Sie haben doch bestimmt einen Lieblingsplatz in der Halle? Nein, habe ich nicht. Wirklich nicht. Und das liegt ganz einfach daran, dass ich die Halle als Ganzes sehe: Mir ist jeder einzelne Händler wichtig, denn nur so funktioniert die Halle – als Ganzes. Sonst gibt es auch schnell Unruhe, oder? Ich denke da an die Auseinandersetzungen zwischen den Händlern und der Betreibergesellschaft um die Jahrtausendwende. 1997 haben wir die Markthalle von der Stadt übernommen, ja. Und dann haben wir unter anderem Nebenkostenabrechnungen eingeführt.

Eingeführt?

Ja, die gab es vorher nicht. Ich kann mich noch genau an die Gesellschafterversammlung vom 17. Januar 2001 erinnern: Wir hatten die Nebenkostenabrechnungen für die Händler erstellt und wussten genau: Wenn wir die rausschicken, wird das Geschrei groß sein. Aber ich habe gesagt: Wenn die Zahlen stimmen, die wir da ausgerechnet haben, dann müssen die Rechnungen raus.




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Und das Geschrei war groß. Es hatte den Anschein, als hätten Sie mit den Mietern nur noch per Anwalt kommuniziert.

Das stimmt. Am schlimmsten war meine Mutter. „Gerhard“, hat sie gesagt, „warum bist du so ein schlechter Mensch? Die Leute verhungern, das kannst du doch nicht machen.“ Verhungert ist keiner. Und wir haben letztlich alle Prozesse gewonnen. Die Abrechnungen waren rechtens. Das muss man sich einfach mal klar machen: Wir öffnen täglich um 4.45 Uhr – dann sind die Hausmeister schon da, die Belieferung der Geschäfte beginnt. Und wir schließen erst um 22 Uhr abends, dann sind die Reinigungskräfte fertig, das letzte Klo ist geputzt. Das kostet natürlich alles, auch wenn das nicht alle wahrhaben wollten. Ich sage immer: Das ist hier betreutes Wohnen.

Herr Schacht!

Stimmt doch. Die Händler müssen sich um wenig kümmern, die Kunden kommen, der Hausmeister ist da. Zur Zeit der Privatisierung wussten das nicht alle zu schätzen. Da hatte ich einige Hardcore-Händler, da habe ich Beschimpfungen schon nicht mehr als schlimm empfunden. Ich habe damals Morddrohungen bekommen, das ging bis hin zu Rasierklingen in den Autoreifen.

Au wei.

Das kann ich Ihnen sagen. War das die größte Krise der Markthalle? Nein, die schwierigsten Zeiten sind immer die, wenn alles läuft. Mit der Zufriedenheit kommen die Ideen, und dann wird es erst richtig schwierig.









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War das die größte Krise der Markthalle?

Nein, die schwierigsten Zeiten sind immer die, wenn alles läuft. Mit der Zufriedenheit kommen die Ideen, und dann wird es erst richtig schwierig. Meinen Sie Ideen wie die aus diesem Sommer? Da schlug ein Investor vor, es wäre schön, die Markthalle umzubauen und sie architektonisch wieder in Richtung der ersten Markthalle zu bringen.

Die erste Markthalle war am 18. Oktober 1892 eröffnet worden nach einem Entwurf des Architekten Paul Rowald, der sich auch die Pläne für das Goethegymnasium und die Sophienschule ausgedacht hatte. Rowald hatte sich für die Markthalle die Galerie des Machines, die Maschinenhalle der Pariser Weltausstellung von 1889 zum Vorbild genommen. Ein Jugendstilkonstrukt aus Stahl und Glas. Ein Bombenangriff am 26. Juli 1943 zerstörte die Halle, die aber nach dem Krieg neu aufgebaut und am 14. Dezember 1955 wieder eröffnet wurde. Architekt diesmal: Erwin Töllner, der sich unter anderem die Pläne für die Hanomag-Siedlung und den Großmarkt am Tönniesberg ausdachte. Es ist ein Zweckbau aus den 1950ern. Im Sommer hieß es, ein Investor wolle die Halle kaufen und umbauen, um sie in Richtung des ursprünglichen Baus zu bringen.

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Hätten Sie das nicht schön gefunden?

Darum geht es nicht. Man mag die Halle schön oder hässlich finden, aber sie gehört zu Hannover. Sie ist ein Teil der Stadt. Hier werden viele Kontakte geknüpft. Der Landtag ist nahe, viele Geschäfte und Banken liegen ringsum, hier treffen sich die Entscheider und fixieren Geschäfte, die dann später im Landtag oder in Aufsichtsräten beschlossen werden. In der Markthalle können die Leute in einer ungezwungenen Athmosphäre miteinander reden. Die Sache mit dem Kauf der Halle ist in meinen Augen etwas anderes: Betrug.

Warum?

Ich glaube, hier möchte sich ein Investor in Stellung bringen. Im Programm „Hannover 2020“ plant die Stadt die Neubebauung des Köbelinger Marktes zwischen Markthalle, Schmiede- und Marktstraße. Und da mag mancher denken, wenn er die Markthalle kauft, bringt er sich für den Köbelinger Markt in eine günstige Stellung. Das hat viel Unruhe hier reingebracht, denn man darf nicht vergessen: Es geht um 600 Arbeitsplätze in der Markthalle. Ich hatte auf einmal viele besorgte Mieter bei mir, die mich gefragt haben: Was ist da los? Was passiert mit der Halle, mit uns? Müssen wir jetzt raus? Aber ich habe allen ganz klar gesagt: Wir verkaufen nicht. Wir haben 1997 die Halle von der Stadt mit Erbpacht übernommen, die über 50 Jahre läuft. Danach fällt die Halle an die Stadt zurück. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Gibt es denn andere Pläne?

Pläne haben wir, klar. Wir wollen nächstes Jahr zum Beispiel mit Werbepartnern einige Kult-Tage einführen.

Zum Beispiel?

96-Tage haben wir ohnehin bei jedem Heimspiel. Dann wird es einen Nikolaus-Tag geben, an dem uns der Nikolaus besucht. Vermutlich feiern wir auch diesen amerikanischen Blumentag. Wie heißt der noch?

Den Valentinstag?

Genau, am 14. Februar. Und ein Primeur-Tag wäre schön.

Da kommt um den 15. November herum Jungwein auf den Markt, dessen Gärung noch nicht beendet ist. Meist ein Beaujolais Nouveau.

Da gab es früher schon immer den Wettbewerb: Wer schenkt den ersten aus? Das könnte ich mir gut bei uns vorstellen.

Könnten Sie sich auch eine Expansion vorstellen?

Eine weitere Markthalle? Nein. Wohl beraten wir als Betreibergesellschaft immer mal wieder andere Projekte – in Köln, Wolfsburg, München, Hamburg oder Bremen etwa. Aber expandieren? Nein, das wollen wir nicht.

















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Inzwischen ist eine gute Stunde vorüber. Das Mittagsgeschäft macht sich langsam bemerkbar in der Markthalle. Geschirr klappert. Speisen zischen im Fett der aufgewärmten Pfannen. Gerhard Schacht bricht auf zu einem Rundgang vorbei an den 68 Ständen, die täglich etwa 10 000 bis 15 000 Besucher passieren. Am Käse-Stand von Elke Herde trifft Gerhard Schacht auf Franz Hirnich. Die beiden kennen sich vom Hannoverschen Sportclub, wo Schacht im Alter von elf Jahren mit dem Fußball angefangen hat. Im Mittelfeld. Es folgte der Trainerschein. Aufgehört hat er erst bei den Alten Herren im Postsportverein. „Mit über 50.“

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Jetzt stehen wir mittendrin im Bauch der Stadt, da drängt sich die Frage auf: Wie schmeckt denn eigentlich Hannover, Herr Schacht?

Der Geschmack der Stadt, der Geschmack der Menschen, ja, die Menschen selbst haben sich sehr geändert. Vor zehn Jahren hätte niemand einen Burgerladen als gute Küche dargestellt. Das ist einer dieser Trends, denen ich vielleicht drei Jahre gebe, dann hat sich das wieder tot gelaufen. Ich wünschte, es würden sich mehr Händler in Hannover auf ihren eigenen Geschmack besinnen, nicht immer nur den Trends hinterherlaufen. Nicht alles, was früher geschmeckt hat, war schlecht.

Was war denn gut?

Ich erinnere mich zum Beispiel an Gänseklein. Das gehörte in den 1960ern zum Sonntag dazu: Gänseklein mit Reis. Also Frikassee aus allem, was von der Ente übrig blieb. Dann erinnere ich mich an die Kruste vom Gersterbrot: Wenn meine Mutter mich losgeschickt hat, um ein Brot zu holen, habe ich das ohne Kruste mit nach Hause gebracht. Die habe ich schon auf dem Weg gegessen. Dann gab es bei uns oft Knödel mit Sauerbraten, wir sind ja als Flüchtlinge aus Tschechien nach Hannover gekomm en, das war eins der Gerichte, die wir mitgebracht haben. Später hat sich unser Geschmack assimiliert: Da gab es auch Grünkohl mit Bregenwurst. Und bei Ausflügen ans Steinhuder Meer Aal. Einen Geschmack vermisse ich allerdings gar nicht!


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Nämlich?


Karpfen. Davon standen in den 1960ern reichlich auf den Speisekarten, ich glaube, da sind ganze Teiche leergefischt worden. Und bei uns gab es zu Weihnachten immer Karpfen.


Der sich in der Badewanne sauber geschwommen hat?

Klar, mit allem drum und dran. Mein Vater wollte das. Dabei hassen Kinder Karpfen.


Klingt, als ob Sie auf den Maschsee-Karpfen zu Weihnachten verzichten.

Stimmt. Kein Karpfen für mich. Dabei fällt mir aber noch etwas ein, wonach Hannover für mich schmeckt: nach Keks.







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Frei nach Matthias Brodowy: die Stadt mit Keks.

Ja, denn wir wohnten während meiner Kindheit in der List. Und auf dem Schulweg musste ich immer vorbei an der Fabrik von Bahlsen an der Podbi. Da konnte man durchs Fenster sehen, wie die Kekse übers Band liefen. Und ab und zu kam immer eine Frau vorbei, die einen sehr großen Karton voller Kekse trug. Und jedes Mal, wenn ich diese Frau gesehen habe, dachte ich: „Hoffentlich fällt ihr der Karton gleich aus der Hand, dann bekomme ich die Kekse!“ Aber leider ist das nie passiert. Nie. Meine Mutter hat mich zu Hause schon immer begrüßt mit: „Wieder nichts gefallen?“


Dafür verkauft die Firma heute in der Markthalle.

Das ist ein Stückchen Kindheit für mich. Meine allererste Erinnerung an die Markthalle ist allerdings eine ganz andere.


Na?

Da muss ich drei oder vier Jahre alt gewesen sein, die neue Halle war noch nicht aufgebaut. An der Straße davor verkauften die Händler ihre Waren, und darunter war ein Freibankfleischer, da sind mein Vater und ich immer mit dem Fahrrad hin. Heute würde das vermutlich kein Mensch mehr kaufen, da gilt das Fleisch als minderwertig. Aber damals war das der einzige Fleischer, der echte schlesische Würstchen hatte. Die haben wir bei ihm immer gekauft. Auch danach schmeckt Hannover für mich.






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Schmeckt es eigentlich auch nach Ruhestand? Sie werden im Dezember 66.


Stimmt. Und ich wollte auch weniger machen.


„Wollte“ ist die Vergangenheit, das wollen Sie also nicht mehr?

Stimmt (er lacht). ich habe ja auch eine Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber, ich habe Auszubildende, deren Lehrzeit ich noch bis zum Ende begleiten möchte. Und letztlich: Was soll ich denn sonst machen? Soll ich vielleicht jeden Tag tauchen gehen? Das könnte ich zwar, ich bin passionierter Taucher. Aber das halten Sie vielleicht ein halbes Jahr aus, dann fiele ich meiner Frau auf die Nerven. Und das will schließlich auch keiner.




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