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Stadtgespräch mit Ehepaar Kolbe: Was ist Liebe?

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Videos: Felix Peschke, Filmproduktionsgesellschaft Filmklar, Hannover

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Sie tragen Kilt. Marcus Kolbe hat die Schottenröcke für sich und seinen Lebenspartner Timo selbst genäht. Das ist sein Hobby, damit setzt sich der 39-Jährige Hausmeister abends in Herrenhausen gern an den Küchentisch. Und mit den Röcken geht’s gleich aufs Solarboot: Marcus und Arzthelfer Timo wollen heiraten. 22 Gäste sind gekommen, unterhalten sich. Gayzelt-Wirt und Trauzeuge Lutz Rädecker ist darunter, genauso wie Kabarettistin Daphne de Luxe. Hannover zeigt sich bei 21 Grad von seiner Sonnenseite, Enten dümpeln zwischen den Bojen fürs Drachenboot rennen daher, ein Ruder-Dreier zerteilt das Maschseewasser, als Kapitän Jens Treudler um 9.50 Uhr das Solarboot am Nordufer anlegt.

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Timo (links) und Marcus Kolbe mit der Standesbeamtin Petra Link.
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Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Marcus: Übers Internet. Wir haben uns in einem Dating-Portal kennengelernt, haben eine Weile miteinander gechattet und uns irgendwann überlegt, wir könnten uns mal treffen.

Timo: Auf eine Tasse Kaffee.

Marcus: Bei mir zu Hause. Und als Timo dann geklingelt hat, ich die Tür öffnete, wollte ich zwar gar keine neue Beziehung, weil die davor ganz böse auseinander gegangen war. Aber dann stand er da und das war so ein Moment (er schüttelt den Kopf so sehr, dass die Bartspitze sachte hin- und herwippt), da hat nur noch der Glorienschein gefehlt und vielleicht ein paar Engelstrompeten dazu. Ich hatte wirklich nie gedacht, dass es die Liebe auf den ersten Blick wirklich gibt. Aber da war sie. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, wie ich sie noch nie gehabt hatte. Und ich war mir sofort absolut sicher: Das ist er.

Ging Ihnen das auch so?

Timo: Nein, ich wollte auch nicht. Ich war zwar seit sieben Jahren single, aber ich hatte vorher eine sehr intensive Beziehung gehabt, die schlecht auseinander gegangen ist. Und ich wollte mich nicht auf einen neuen Kerl einlassen. Freundschaft ja, aber mehr nicht.

Marcus: (Sucht auf seinem Smartphone eine Nachricht.) Da! (Er hält das Telefon hoch und zeigt eine SMS vom 18. Oktober 2006.) Da hat Timo mir geschrieben, dass es vielleicht etwas werden könnte mit uns. Er überlegte noch, und für mich war längst klar: Ich liebe ihn. Den lass ich nicht mehr los.











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Timo (links) und Marcus Kolbe mit der Standesbeamtin Petra Link.
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Kapitän Jens Treudler fährt die Hochzeitsgesellschaft über den Maschsee
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Haben Sie ja auch nicht.

Marcus: Nö.

Timo: Wir sind sogar ziemlich schnell zusammen gezogen.

Marcus: Nach zwei Wochen. Eigentlich wollte Timo seinen Urlaub bei mir verbringen, dann ist er geblieben. Hatte ich da Angst! Ich hab’ mich gefragt: Was, wenn das doch nicht hält?
 
Hat es aber.

Marcus: Nur meine Teppiche haben’s nicht überlebt.

Nanu?

Marcus: Ich hatte in unserer ersten gemeinsamen Wohnung im Wohnzimmer einen bordeauxroten Teppichboden.

Timo (grinst): Einen hässlichen, bordeauxroten Teppichboden.

Marcus: Und auf diesen bordeauxroten Teppichboden hatte ich drei kleine, runde, beigefarbene Schurwollteppiche gelegt, die sollten die düstere Fläche unterbrechen. Tja, und dann hab’ ich Timo eines Tages allein gelassen in der Wohnung. Keine Ahnung, wo ich da gerade hin musste. Und er sagt, er hätte aus Versehen mit Kaffee auf einen der Teppiche gekleckert. Das glaube ich bis heute nicht.

Timo: Ist aber so. Mir war Kaffee drauf geschwappt. Und ich dachte: Au wei, wie machst Du das denn jetzt weg? Ich mir also den Teppich geschnappt und in die Waschmaschine gesteckt.

Marcus: Schurwolle! Wie kann man einen Schurwollteppich in die Waschmaschine stecken?

Timo: Er kam was kleiner wieder raus. Ich hab’ ihn schnell trocken geföhnt und mit Marcus’ Bürste gekämmt. Aber der Teppich sah deutlich anders aus als die zwei anderen.

Also haben Sie die auch noch gewaschen?

Timo: Ja (grinst).

Marcus: Ich hab’ gedacht, mich trifft der Schlag, als ich nach Hause kam.

Verstehe.

Timo: Dafür hat Marcus unsere frisch renovierte Küche ramponiert.

Billige Retourkutsche?

Timo: Wir hatten gerade alles frisch tapeziert, weiß gestrichen. Über einem Kaffee haben wir dann überlegt, wo wir welche Möbel hinstellen. Und dann hat Marcus geniest. Mit einem Rest Kaffee im Mund.

Kaffee auf der weißen Wand?

Marcus: Als wär er aus einer Sprinkleranlage gekommen. Ich konnte nichts dafür (lacht)!
Sie sollten das mit dem Kaffee vielleicht besser lassen.

Timo: Nö (grinst), aber wir haben in der Küche jetzt braune Tapete.
Marcus (lacht): Teils mit Krokodilleder-Optik.


































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Kapitän Jens Treudler fährt die Hochzeitsgesellschaft über den Maschsee
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Marcus: Das Erschreckende bei uns ist nur: Wir müssen das zwischendurch immer mal wieder erklären. Vor einiger Zeit hat mich jemand gefragt: „Wie ist das bei euch Homosexuellen?“ Das Wörtchen „schwul“ ging ihm nicht über die Lippen. Ja, hab’ ich geantwortet, das kann ich dir sagen: Wir essen, schlafen, trinken, waschen uns, wir streiten und vertragen uns, wir arbeiten für unser Geld.


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Stärkung muss sein: Am Anleger gibt es Sekt und Häppchen.
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Marcus: Es ist sogar wieder schlimmer geworden.

Timo: Seit Pegida und AFD.

Marcus: Früher gab’s komische Blicke, wenn wir Hand in Hand sonnabends beim Einkaufen durch die Stadt gelaufen sind.

Timo: Das machen wir nicht mehr. Denn zu den Blicken sind auch Kommentare gekommen.

Marcus: Neulich kam eine Gruppe Mädchen auf uns zu, sie sahen aus, als hätten sie einen arabischen Familienhintergrund. Das vorlauteste Mädchen hat gerufen: „Seid ihr etwa schwu-huul?“ Ich hab’ ihr geantwortet: „Ja, und du kannst deinem Bruder bestellen, dass er bei uns vorbeikommen kann, er hat seine Jacke vergessen.“ Da ist ihr die Kinnlade runtergefallen. Und die anderen haben sie ausgelacht.

Schön schlagfertig.

Marcus: Anders geht’s nicht. Auch an der Ampel vor kurzem: Da warten ein Mann mit amputiertem Bein und seine Frau darauf, dass es Grün wird. Er guckt uns an, schüttelt den Kopf und dann sagt er zu ihr mit Blick auf uns: „Früher hätte es das nicht gegeben. Beim Adolf wären die in der Gaskammer gelandet.“ Da hab’ ich ihn freundlich angelächelt und ihm erklärt: „Ihnen ist aber schon klar, dass Sie auch mit in der Gaskammer gewesen wären, oder? Sie hätten als Amputierter für uns alle die Klinke von innen zugezogen.“

Timo: Und selbst in Formularen sind wir längst nicht gleich gestellt.

Wie meinen Sie das?

Timo: Vor sieben Jahren haben wir uns verpartnern lassen am 5. August 2011. Zumindest damals gab es aber noch keine Formulare für Mann und Mann.

Was denn sonst?

Timo: Der Jüngere, also ich, wurde beim Standesamt als Frau geführt. Die Standesbeamtin hat sich in der Zeremonie sogar einmal versprochen und uns als Herr und Frau Kolbe angeredet. Und auch in der Steuererklärung ist das so: Da sind wir gemeinsam veranlagt als Herr und Frau Kolbe, der Jüngere, also wieder ich, wird als „Frau Kolbe“ geführt.

Hat sich das geändert?

Marcus: Das sehen wir gleich!


















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Stärkung muss sein: Am Anleger gibt es Sekt und Häppchen.
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Im Standesamtsregister gebe es nach wie vor nur Einträge unter Mann und Frau, selbst wenn es sich um gleichgeschlechtliche Ehen handele.

Aber die Urkunde, die Petra Link dem Ehepaar Kolbe um 10.15 Uhr überreicht, darin stehen sie als Mann und Mann. „Hübsch haben Sie unterschrieben“, lobt sie. „Sie können sich jetzt auch wirklich entspannen“, spricht sie Marcus an, „es ist vorbei,“ Und mit einem Lächeln in die Runde: „Wie jemand so aufgeregt sein kann – herrlich!“

Link ist seit 24 Jahren Standesbeamtin. Die Arbeit sieht sie als den Cappuccino unter den Beamtentätigkeiten, „die Hochzeiten sind das Sahnehäubchen oben drauf“.

Die Trauung von Marcus und Timo Kolbe ist ihre 2390. Eheschließung. Zehn weitere werden in den nächsten drei Tagen folgen, dann geht Petra Link in den Ruhestand.

Herzlichen Glückwunsch.

Marcus und Timo: Danke!





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Warum wollten Sie eigentlich noch einmal heiraten? Sie hatten sich doch schon verpartnert.

Marcus: Wir haben uns 2011 gemeinsam eine Wohnung in Herrenhausen gekauft. Und als die fertig war, haben wir uns verpartnert und das zu Hause gefeiert. Ganz klein. Mit unseren Eltern und wenigen Freunden. Bloß 18 Leute.

Timo: Und als dann die Ehe für alle durch den Bundestag kam, hat Marcus mir einen neuen Antrag gemacht. Wir wollten eigentlich aufs Schützenfest, ich war gerade dabei, mich chic zu machen. Dann steht er plötzlich mit zwei Sektgläsern in der Tür, unsere Verlobungsringe klimpern drin und Marcus fragt, ob wir noch einmal heiraten sollen, nur diesmal richtig.

Marcus: Nach dem ersten Schreck hat er „ja!“ geschrien. Und dann haben wir uns überlegt, wollen wir eine richtig schöne Zeremonie. Mit Freunden auf dem Maschsee.
Um Ihre Liebe noch einmal zu besiegeln?

Marcus: Genau.








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Traum13
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Was ist das eigentlich genau? Was ist Liebe, Ehepaar Kolbe?

Marcus: Liebe? Das ist für mich das Gesamtpaket. Füreinander da zu sein, in guten wie in schlechten Tagen. Liebe ist für mich etwas Geistiges, nicht Sex, man liebt den Geist, nicht den Körper. Wenn ich mal beruflich nicht zu Hause bin, dann fehlt mir Timo. Und das nach fast zwölf Jahren noch. Das ist Liebe.


Timo: Liebe ist auch, wenn man einen Menschen so sehr mag, dass man sich immer hinter ihn stellt, ihm den Rücken stärkt in Krisen. Und manchmal stellt man sich auch vor ihn, wenn er das braucht und schützt ihn.
Marcus: Und Liebe ist Arbeit, denn Streiten gehört dazu. Ich habe den Eindruck: Heute geben viel zu viele vorschnell auf und lassen sich lieber scheiden, statt die Dinge auszudiskutieren. Wichtig ist bei der Streiterei allerdings der Versöhnungskuss am Abend, sonst nimmt man den Streit mit ins Bett und das ist Gift für den nächsten Tag.




Traum13
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Sie haben das mit den guten und den schlechten Tagen erwähnt. Viele schwule wie auch lesbische Paare haben Angst davor, dass der Partner im Krankenhaus nicht zum Patienten gelassen wird, wenn der das aber gern hätte.

Marcus: Das ist aber auch nicht selbstverständlich, selbst wenn man verpartnert ist.

Timo: Da haben wir schon einiges erlebt.

Marcus: Ich neige dazu, dass ich, wenn ich mal was habe, gleich zum Notfall werde.

Timo: Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn einer seiner Kollegen anruft und sagt: Timo, reg’ dich jetzt nicht auf, aber – (Er schüttelt den Kopf.) Inzwischen frage ich einfach zurück: „Wo liegt er denn diesmal?“

Und was haben Sie da nun erlebt im Krankenhaus?

Marcus: Wir haben viele Krankenhäuser durch. Und wir haben immer wieder erlebt, dass Timo nicht zu mir gelassen worden ist.

Timo: Außer im Vinzenzkrankenhaus.

Marcus: Dem katholischsten Klotz in Hannover.

Timo: Da haben sie im Wartezimmer sogar den Mann von Herrn Kolbe ausgerufen.

Nächstenliebe.

Timo: Schöner Gedanke.

Marcus: Und jetzt gibt’s Sekt und Hochzeitstorte!





















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