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Stadtgespräch mit Diakonie-Pastor Müller-Brandes

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Hannover - das ist mehr als Maschsee, Messe und Herrenhausen. Hannover ist speziell. In der Serie "NP-Stadtgespräch" gehen wir mit Menschen dieser Stadt an für sie ganz besondere Orte. Wir wollen Hannover dort sehen, hören und begreifen. Heute: Mit Diakonie-Pastor Rainer Müller-Brandes auf dem Weg zu den Armen in dieser Stadt.

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Es ist einer dieser Tage, an denen alles stimmt: Die Sonne scheint jetzt sogar noch im Oktober, es ist wunderbar warm, der Himmel blau, die Leute gehen bestens und großzügig gelaunt durch die Stadt. Faktoren, die auch für jene gut sind, die man nicht sieht – oder nicht sehen will. Die, die das „andere Hannover“ repräsentieren. Die, die an diesem Morgen vor dem Kontaktladen Mecki unten am Raschplatz ausnahmsweise nicht frierend, sondern relativ entspannt vor der Tür stehen. Und die ein paar Meter weiter, dort wo die Niki-Promenade und damit das Hausrecht der Promenade endet, ausnahmsweise nicht frierend auf oder an den Treppen schlafen mussten. Jedenfalls heute nicht.

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Hannover ist eine schöne Stadt und vieles klappt auch gut. Aber es gibt verschiedene Hannover: Wir haben den Mühlenberg, da ist die Hälfte der Menschen auf staatliche Leistungen angewiesen, in Isernhagen-Süd sind es 1,5 Prozent. Wir versuchen für alle, die in Not sind, da zu sein.

Irgendwie stehen Sie hier am Raschplatz genau zwischen den extremen Welten, oder?

Ja, hinter mir am Hauptbahnhof ist das eine, das offizielle Hannover mit seinen Spaziergängern, Geschäftsleuten, Pendlern. Und hier am Kontaktladen Mecki ist das andere Hannover. Jeden Morgen kommen ungefähr 100 Menschen hierher, um sich aufzuwärmen, zu essen, sich medizinisch versorgen zu lassen. Es gibt ein hohes Maß an Verelendung, viele haben ein großes Alkoholproblem. Hier ist die Not wirklich sehr, sehr groß.

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Viele haben Probleme mit ihrer Gesundheit, das sind in die Haut eingewachsene Hosen oder andere Wunden, die sich entzündet haben. Das sind grippale Infekte – wer auf einer Parkbank schlafen muss, kann seine Erkältung nicht auskurieren. Im Kontaktladen Mecki arbeitet eine Krankenschwester, die manchmal zusammen mit Ärzten in einem acht Quadratmeter kleinem Raum eine medizinische Notversorgung anbietet.


Rund um den Kontaktladen Mecki scheint sich die Obdachlosen-Community zu versammeln..

Der Kontaktladen Mecki hat von acht bis elf Uhr morgens auf, auch samstags, hier bekommen die Leute Frühstück, Sozialarbeiter bieten Hilfe an. Die Idee war, dass die Menschen ihren Tag strukturieren können, die Realität ist inzwischen schon eine andere. Für viele ist das hier ein Aufenthaltsort geworden. Allerdings herrscht drinnen Alkoholverbot, das macht es für uns schwierig, an manche Menschen heranzukommen. Trotzdem müssen wir es versuchen – sie sind bei jedem Wetter draußen, viele alkoholisiert. Also versuchen wir, mit einem weiteren Baustein zu helfen.

Sie meinen den „Kompass“, der für manche Bürger als „Trinkerraum“ verschrien ist?

Die Stadt wollte hier Sicherheit, Sauberkeit und zusammen mit uns auch ein weiteres „S“ für das Soziale. Der „Kompass“ hat von elf bis 19 Uhr geöffnet, auch am Wochenende. Die Leute können ihr Bier oder ihren Wein mitbringen, aber keine harten Sachen. Der Raum wurde gut angenommen, fünf auch polnisch oder russisch sprechende Sozialarbeiter arbeiten hier. Das muss tatsächlich sein. Viele der osteuropäischen Obdachlosen sind Arbeitsmigranten, die oft schwarz mal hier, mal dort gearbeitet, starke Alkoholprobleme haben und aus der Scham heraus gescheitert zu sein, nicht nach Hause zurückkehren. Seit dem 1. Januar haben sie keine weitergehenden Ansprüche mehr auf staatliche Leistungen – erst nach fünf Jahren, wenn sie nicht gearbeitet haben. Das erschwert die Situation für sie natürlich – und auch für uns.

Können Sie die ablehnende Haltung mancher Bürger gegen einen Trinkerraum denn verstehen?

Zum Teil verstehe ich die Ablehnung, aber es gibt auch viel Mitgefühl. Insgesamt klappt das gut, übrigens auch mit der Stadt Hannover. Ich bin da selbst im Herzen gespalten. Ich ärgere mich manchmal darüber, dass die Stadtreinigung manchen Tunnel vom Müll derer, die dort übernachtet haben, reinigen muss. Aber wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt, dann kann man auch verstehen, was und warum das passiert.

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Nur ein Beispiel: Es gibt überall schöne Bänke in der Innenstadt. Und es gibt die Diskussion, ob diese Bänke Bügel in der Mitte haben sollten, damit dort niemand darauf schlafen kann. Es gibt verschiedene Interessen in der Großstadt, aber es gibt Menschen, deren Interessen weniger stark vertreten sind. Für diese Menschen versuchen wir da zu sein.

Die Diakonie ist der soziale Zweig der evangelischen Kirche. Nicht nur Gutes predigen, sondern Gutes tun, ist das Motto. Oder anders gesagt: Wir versuchen in der Not, aber wenn möglich auch aus der Not zu helfen. Die Diakonie versucht den Menschen im „anderen Hannover“ Angebote zu machen, mit denen sie ihren Tag strukturieren können. In der Berliner Allee 8 gibt es seit kurzem einen Tagestreff mit Frühstücksraum und Küche, Duschen, Waschmaschinen und Trocknern, internetfähige PC und eine Kleiderkammer – und Sozialarbeiter, die den Menschen im Krankheitsfall einen der sechs Plätze in einer Krankenwohnung vermitteln, die Sucht- und Schuldnerberatung anbieten oder auch Hilfe beim Umgang mit dem Jobcenter. Kurz: Eine Perspektive, um irgendwie aus diesem Elend heraus zu kommen. Die Menschen nehmen das Angebot an, schon in der Früh stehen hier Männer und Frauen, um das raue Leben auf der Straße wenigstens für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Die Räume sind hell und freundlich, Männer sitzen an einem Tisch und reden leise, eine Frau kommt mit frisch gewaschenen Haaren aus der Dusche, in der Küche schmiert sich ein Wohnungsloser Brot.

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Ja, weil die Armut sichtbarer wird. Man kann sie nicht mehr verdrängen. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat sich das Stadtbild sichtbar dadurch verändert, dass Osteuropäer hier gestrandet sind. Die Zukunft sieht nicht besser aus, denn die Flüchtlinge von heute könnten die Obdachlosen von morgen sein. Selbst wenn sie Hartz IV beziehen, fehlen günstige Wohnungen.

Es soll Menschen geben, die in Champagner baden. Und andere, die ihr letztes Geld für Fusel ausgeben. Was geht Ihnen näher?

Wenn Menschen in Champagner baden, dann ist das deren Entscheidung. Natürlich würde ich mich freuen, wenn sie vielleicht einen Teil des Geldes für den Champagner an arme Menschen spenden würden. Näher gehen mir die anderen Menschen, die kaum noch freiwillig entscheiden können.

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Alle Menschen sind wie „du und ich“, man schließt sich zusammen, sucht sich Freunde, geht auch zu jenen Landsleuten, mit denen man eine Sprache spricht. Da ist die polnische Community, die russische, die arabische – man trifft sich untereinander. Das ist wie bei uns, die wir reicher sind. Wenn man dann allerdings einen zusätzlichen Druck hat, drogenabhängig ist, dann braucht man Geld, um den Stoff zu besorgen. Da ist man offensiver, während Wohnungslose eher passiver sind. Das Miteinander unter den verschiedenen Gruppen ist nicht leicht, unter den Betroffenen gibt es durchaus Antipathie.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie angebettelt werden?

Das ist bei mir stimmungsabhängig. Wenn die Geschichte gut ist, gebe ich gern etwas. Manchmal bin ich auch schlecht drauf und dann habe ich keine Lust. Etwa, wenn mir einer zum wiederholten Male sagt, er bräuchte das Geld, um heim nach Braunschweig zu kommen. Klar ist: Keiner bettelt gern, keiner bettelt freiwillig und ich finde, wir müssen den Anblick von Armut in einer Stadt ertragen. Und grundsätzlich tut es mir ja nicht weh, etwas abzugeben...

Während Rainer Müller-Brandes an den „Armuts-Hot-Spots“ in der City vorbeischaut, mit Obdachlosen auf menschlicher Augenhöhe spricht. sind Frauen in langen Röcken und auch körperversehrte Männer mit ihren Plastikbechern unterwegs. Viele Leute sind ziemlich genervt, andere geben den einen und anderen Cent, mancher schaut ganz stolz dabei – bis die Bettler den nächsten Passanten anbetteln. Szenen, die mittlerweile ins hannoversche Straßenbild gehören.

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Die Schwierigkeit in unserer Arbeit ist ja auch, Menschen aus anderen Kulturen zu akzeptieren. Für die Armutsbevölkerung aus Osteuropa haben wir Angebote, angefangen bei der Kleiderkammer gerade für die Familien mit vielen Kindern. Da haben wir Sozialarbeiter und Dolmetscher, die sie ansprechen. Wir sind auch im Schulen unterwegs, weil es Probleme mit den sogenannten Schulverweigerern geht, versuchen mit Lehrern und auch Eltern zu sprechen. Da kommen auch wir manchmal an unsere Grenzen. Es ist anstrengend, man braucht auch eine gewisse Frustrationstoleranz, aber wir haben den Anspruch: Wir geben nie auf.

Viele Roma-Familien kommen mit ihren Kindern zur Diakonie, um sich mit Kleidung zu versorgen. In der Kleiderkammer in der Burgstraße sieht es aus wie im Lager eines großen Einzelhändlers. Kinder- und Erwachsenenkleidung, Schuhe, sogar Unterhosen, aber auch Haushaltsgegenstände wie Gläser gehen hier über den Tresen.

Kleidung ist billig. Wozu brauchen wir eine Kleiderkammer in Hannover?

Hier bekommen die Leute kostenlos Kleidung. Und es kommen jeden Tag Menschen hierher, teilweise an offiziellen Öffnungszeiten, aber auch an Einzelterminen. Zwei bis drei Tonnen verschenkte Kleidung im Monat spricht eine deutliche Sprache. Das zeigt, dass da ein dringender Bedarf ist. Dabei kommt keiner freiwillig hierher.

Aber hier arbeiten Leute auch freiwillig und ehrenamtlich...

Ja, wir haben hier viele, die hinter dem Tresen arbeiten. Auch Flüchtlinge sind dabei, sie lernen auf diese Weise auch gleich deutsch. Und sie erleben, dass sie anderen helfen können. Das macht ja auch etwas mit einem. Sie stehen mal auf der anderen Seite des Tresens, das tut ja auch einmal gut.


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Ich denke schon. Die Tatsache, dass ich täglich sehe, was die anderen haben, macht es schwieriger. Wenn ich dann noch sehe, dass es aus meiner Sicht manchen anderen unverdient besser geht, dann ist das sicher hart.

Viele Menschen definieren sich über Konsum, brauchen wir ein anderes Definitionsmuster in unserer Gesellschaft?

Da steckt die große Frage hinter: Wie definiere ich Glück? Wenn man sich wirklich fragt, „Wann bin ich glücklich?“, dann ist das nicht der Moment, wenn man sich neue Schuhe gekauft hat. Das hält ja nur kurz. Glücklich ist man ja eigentlich, wenn man etwas bei der Arbeit geschafft hat, wenn etwas gelingt oder wenn man mit Freunden zusammen ist. Vielleicht regt es einen ja auch zum Nachdenken an, wenn man jemanden notleidend in der Stadt sieht. Es löst die eigenen Probleme nicht, aber es relativiert sie vielleicht.

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