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Stadtgespräch mit dem Sudanesen Hassan Abdulmaula

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Hannover - das ist mehr als Nanas, Messe und Herrenhausen. Hannover ist speziell. In der Serie "NP Stadtgespräch" gehen wir mit Menschen an für sie besondere Orte. Dieses Mal mit Hassan Abdulmaula (22) am Maschsee entlang. Dort joggt der sudanesische Flüchtling gern.

von Verena Koll (Text) und Christian Behrens (Fotos)

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Fühlen Sie sich inzwischen zu Hause in Hannover?

Jein. Zu Hause wird immer der Sudan bleiben. Aber ich fühle mich in Hannover sehr willkommen, und das hätte ich so nicht erwartet. Aber es ist so, es gibt wirklich viele nette Menschen hier. Ihr Deutschen seid fleißig und zuverlässig und pünktlich. Oh ja, pünktlich, das habe ich schnell gelernt. Es heißt ja immer, den Afrikanern hat Gott die Zeit gegeben, den Europäern die Uhr. Bei uns heißt es nicht: Wir treffen uns um 18 Uhr. Bei uns heißt es: Wir treffen uns heute Abend. Das kann 18 oder 19 oder 20 Uhr sein.

Was haben Sie noch an den Deutschen beobachtet?

Ihr lebt, um zu arbeiten. Ihr arbeitet nicht, um zu leben. Viele haben Angst, sie hätten nicht genug auf dem Konto. Und diese Angst macht sie fertig. Dabei brauchst du nicht viel, um zu leben. Wir hatten nie viel.

Was heißt das? Wie war Ihr Leben im Sudan?

Ich stamme aus einer einfachen Bauernfamilie. Ich habe drei jüngere Geschwister, und wir haben in einer ländlichen Region im Gebiet Darfur gelebt. Wir hatten Kühe und Ziegen. Es war ein einfaches, aber es war ein schönes Leben.

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Wenn es so schön war, warum haben Sie es aufgegeben?

2003 hat ein Bürgerkrieg in der Region Darfur begonnen.

Der Darfur-Konflikt. Seit 2012 beteiligt sich die Bundeswehr an der UN-Mission UNAMID, den Einsatz hat der deutsche Bundestag gerade verlängert.

Und die Unruhen hatten eine Weile gebraucht, aber 2008 hatten sie auch unseren Stamm erreicht. Die Rebellen haben meinen Onkel und meinen Opa getötet. Wir mussten flüchten. Meine Eltern hatten sich getrennt, meine Mutter hat also uns Kinder genommen und ist mit uns in ein UN-Lager im Tschad geflüchtet. Da haben wir drei Jahre lang gelebt.

Und dann?

Als Ältester unter uns Geschwistern wollte ich für meine Familie sorgen. Ich wollte Geld verdienen. Also bin ich zurück in den Sudan zu einem Onkel in Khartum.

Der Hauptstadt Sudans.

Dort habe ich angefangen, als Maurer zu arbeiten. So konnte ich meine Familie unterstützen. Dann kam ich in Kontakt zu Menschen, die eine Gruppe unterstützten, die unserem Stamm helfen wollten. Diese Gruppe war aber von der Regierung verboten.



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Seit 1989 herrscht der Diktator Umar al-Baschir im Sudan. Er ist durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. Im Jahre 2011 hatte er angeküngt, für die nächste Präsidentschaft nicht mehr zu kandidieren, 2015 stellte er sich aber doch wieder zur Wahl und gewann mit 94 Prozent der Stimmen. Al-Baschir ist der erste amtierende Staatschef, gegen den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl erlassen hat. Die Vorwürfe lauteten im Jahre 2009 auf Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im Darfur-Konflikt.

Ich war 16, als ich mich mit diesen Menschen traf, ich war jung. Wir trafen uns etwa drei- oder viermal im Monat. Ungefähr 30 Personen kamen zu den Treffen. Und eines Tages muss uns jemand verraten haben. Die Polizei kam. Viele konnten weglaufen, aber sechs, sieben von uns wurden verhaftet. Ich auch. Ich war zu aufgeregt, um aus dem Fenster zu springen, ich hab’s nicht geschafft. Also haben sie mich mitgenommen.

Wohin?

Sie haben uns in ein Geheimgefängnis gebracht. In Kellerräume ohne Fenster. Und dann haben sie uns zuerst sehr freundlich befragt. Jeden einzeln. Sie wollten wissen, was wir machen, für wen wir arbeiten, wer der Anführer sei. Ich konnte aber keine der Fragen beantworten, ich wusste das alles nicht. Dann haben sie begonnen, mich zu schlagen.

Folter?

Zu foltern, ja. Ich kann bis heute auf meinem linken Ohr nichts hören. Es ist taub geworden durch die Schläge. Ich hatte hier im Nordstadtkrankenhaus schon zwei Operationen, aber hören kann ich immer noch nicht. Elf Monate ging das so.

Die Gefangenschaft?

Ja. Und dann hatte ich Glück. Ich habe gehört, wie eine der Wachen auf dem Gang am Telefon in meinem Heimatdialekt sprach. In Bargo. Ich habe gedacht, das ist ein Zeichen. Als ich ihn wieder gesehen habe, habe ich angefangen, in meiner Zelle ein lautes Selbstgespräch zu führen in Bargo. Das hat ihn neugierig gemacht, er hat begonnen, sich für mich zu interessieren. Ich habe ihm erzählt, dass meine Familie, dass der Onkel, bei dem ich in Khartum untergekommen war, gar nicht weiß, was mit mir passiert ist. Die Wache hat den Onkel verständigt. Er hat Schmiergeld bezahlt, und die Wache hat mich flüchten lassen. Er hat aber gesagt, ich müsse ganz schnell das Land verlassen, sonst wäre sein eigenes Leben in Gefahr.

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Hassan Abdulmaula erzählt, wie der Onkel ihn eine Woche lang bei Bekannten versteckt hätte. Nach der Haft habe der Neffe zunächst nicht mehr gehen können, eine Folge der Folter. Während die Bekannten ihn aufpäppelten, planten sie mit dem Onkel, wie es weitergehen sollte für Hassan. Sollte er nach Ägypten flüchten? Nach Libyen? Für Ägypten wären Papiere nötig gewesen, Hassan hatte keine. Also fiel die Wahl auf Libyen. Schlepper wurden bezahlt, und eine Woche später machte sich Hassan auf den Weg durch die Sahara. Das ferne Ziel: Bengasi, die libysche Hafenstadt. Sechs Monate lang arbeitete Hassan dort, wieder als Maurer.

Aber Libyen ist auch nicht sicher. Wenn du deinen Lohn bekommst, wirst du oft überfallen. Wenn sie dein Geld wollen, halten sie dir eine Waffe an den Kopf (er deutet mit seinem Zeigefinger eine Pistole an der Schläfe an, dann schubst er mit den Schultern.) Da wehrst du dich nicht, dann gibst du ihnen, was sie wollen. Mein Leben war nicht schön, damals. Ich habe überlegt: Was kann ich tun? Von Freunden hörte ich, dass viele über das Meer nach Italien flüchten. Das wollte ich nicht. Ich bin ein Mensch der Sahara, die Wüste liegt mir, das Meer hat mir aber Angst gemacht, ich kann nicht einmal schwimmen, ich bin kein Mann des Wassers. Aber welche Wahl blieb mir? Also habe ich 600 US-Dollar bezahlt für die Flucht nach Italien.

Für das Gespräch wollte sich Hassan Abdulmaula am Maschsee treffen, am Wasser. Vom Ufer aus hat er das lieb gewonnen. Er schaut auf die kippeligen Wellen, die der Wind hochschaukelt. Auf die Enten, die sich darüber treiben lassen. Auf den Kormoran, der nach den Fischen taucht. Der 22-Jährige atmet tief ein („die Luft kommt mir hier frischer vor als in der Stadt“). Und er erzählt weiter vom 2. Juni 2015, der Nacht, in der er um 23 Uhr ein Schlauchboot in Bengasi bestieg. Zwei mal zwölf Meter groß. Mit 110 weiteren Menschen.

Erst ging alles gut. Aber gegen 6 Uhr morgens ging der Motor vom Boot kaputt. Ich erinnere mich an das ganze Blau: Das Wasser war blau, der Himmel war blau. Und wir waren ein kleiner schwarzer Punkt inmitten dieses ganzen Blau. Ich war mir sicher: Das war’s. Mir ging durch den Kopf: Was habe ich bisher geschafft in meinem Leben? Was hätte ich gern noch gemacht?

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Oh ja. ich bin Moslem, ich bin religiös, das hat mir geholfen. Ich war mir sicher, ich hätte nur noch zwei, drei Stunden zu leben, aber ich dachte mir: Das ist gar nicht so schlimm. Dann siehst du bald deinen Onkel, deinen Opa und all die anderen Verstorbenen wieder. Die vermisst man ja auch.

Aber Sie haben sie dann doch nicht wiedergesehen. Sie sind noch da.

Ich habe ein weiteres Leben geschenkt bekommen, ja (er lächelt). Unser Fahrer –

Der Schlepper?

Nein, das war auch ein Flüchtling. Sie werben immer einen an, dem sie zeigen, wie das Boot funktioniert. Dann muss er mit, er kann es sich nicht im letzten Moment noch anders überlegen. Dafür muss er aber auch die 600 Dollar für die Überfahrt nicht bezahlen. Und dieser Fahrer hatte ein Satellitentelefon mit Nummern bekommen. Als unser Motor kaputt gegangen war, hat er jemanden angerufen. Dann hat uns ein Militärschiff gerettet.

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Die Soldaten hätten die Flüchtlinge auf ein Schiff der Ärzte ohne Grenzen gebracht. Zielhafen: ein Flüchtlingslager in Italien. Dort fühlte sich Hassan Abdulmaula fremd, aber er hatte von anderen Flüchtlingen gehört, die nach England gegangen waren. Dort wollte er auch hin, er hoffte, er würde Bekannte treffen. Er versuchte, sich mit dem Zug durchzuschlagen. So gelangte er auf einem Güterwaggon als blinder Passagier zwar nicht nach England, aber nach Nürnberg und von dort über Braunschweig am 29. Juni 2015 nach Hannover. Zunächst kam er in eine Flüchtlingsunterkunft nach Hainholz, inzwischen lebt er im früheren Siloah-Krankenhaus.

Haben Sie jemals Kontakt zu Ihrer Familie?

Wir telefonieren schon mal miteinander. Meine Mutter ist mit meinen beiden jüngsten Geschwistern noch im Flüchtlingslager im Tschad, ein Bruder ist nach Khartum gegangen. Er hält sich fern von Politik, bisher geht es ihm gut. Meine Mutter möchte, dass ich auch zurückkehre. Aber das kann ich nicht, solange Umar al-Baschir Präsident ist, mein Leben wäre nicht sicher. Mein Traum ist, dass erstmal mein Asylantrag angenommen wird und dass ich hier in Deutschland eine Ausbildung machen darf. Vergangenes Jahr hatte ich eine Ausbildung zum Anlagenbauer angefangen, aber dafür war mein Deutsch noch zu schlecht, ich bin in der Berufsschule nicht mitgekommen. Das musste ich leider abbrechen.

Sie sprechen doch sehr gut.

Ich habe weiter gelernt. Ich möchte doch eines Tages Menschen helfen, behinderten Kindern zum Beispiel. Und wenn ich dann auf meinen eigenen Beinen stehe, wie ihr so schön sagt, und wenn der Frieden im Sudan wieder eingekehrt sein wird, dann möchte ich nach Hause zurückkehren. Vielleicht habe ich irgendwann selbst eine Familie mit ein, zwei Kindern. Aber das käme auf meine Partnerin an, das müssten wir natürlich gemeinsam planen.


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